

Im Büro meines Vaters war ein Stammbaum aufgehängt. Auf diese Weise konnte ich meine väterliche Herkunftsfamilie bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Für uns Kinder ging von diesem Stammbaum eine große Faszination aus. Etwas in unseren Herzen ist offenkundig darauf angelegt, dass wir unsere Wurzeln kennen. Nur schade, dass wir von all den ‘Seitenästen’ so wenig wissen! Mir wurde auch bewusst, dass vom Blut jenes Landrichters Kaspar Wyss (geb. 1664) nur noch tröpfchenweise in meinen Adern fließt (in jeder neuen Generation vermengt sich sein Blut mit dem Blut einer ganz anderen Familie).
n meinem Beruf als Rechtsanwalt war ich einmal mit der folgenden Geschichte konfrontiert: Im Rahmen der familienrechtlichen Auseinandersetzung zweifelt ein Mann plötzlich an, Vater eines der Kinder zu sein. Er verlangt einen DNA-Test, der dann (die Mutter sagt: »Natürlich!«) den positiven Nachweis seiner eigenen Vaterschaft ergibt. Mich hat diese Geschichte nicht wegen des offenkundigen Misstrauens des Mannes gegenüber seiner Frau erschüttert.
Ich habe mich in die Haut der vierzehnjährigen Tochter versetzt: Was passiert in ihrem Herzen, wenn für sie eine der Grundannahmen ihres Lebens dahinfällt? Wird hier nicht die Wurzel eines Baumes abgeschnitten, wird der jungen Frau nicht die Basis ihres Lebens geraubt? Ich habe nach Motiven gesucht und bin nur auf Eigensucht, Misstrauen, Missgunst des Vaters gestoßen. Denn eines war nur zu deutlich: Schon allein durch die Tatsache, dass der Vater einen Test verlangte, nahm er den Zerbruch der Vertrauensbasis zwischen sich und seiner Tochter in Kauf. Die Information, mit der die junge Frau seither leben muss, ist grausam: Der Mann, den ich bis heute als Vater angesprochen habe, wäre bereit gewesen, mich ganz weit wegzustoßen, nur um zu beweisen, dass seine Frau ihm untreu (gewesen) sei. Zudem hätte er (zu meinen Lasten) einen Haufen Geld eingespart. – Ich weiß auch, dass Adoptivkinder, auch wenn sie wundervolle Adoptiveltern haben, oft an der Tatsache leiden, dass sie ihre Wurzeln nicht kennen. Nein, mit unseren Wurzeln lässt sich nicht spaßen.
Ist Ihnen bewusst, dass das Neue Testament mit einem Stammbaum beginnt? Nun, dieser Stammbaum fängt bei Abraham an; bis David werden vierzehn Generationen gezählt. Zwischen David und dem babylonischen Exil kommen vierzehn Generationen dazu und dann noch einmal vierzehn bis Jesus – zweiundvierzig Generationen insgesamt. In geheimnisvoller Weise ist auch Jesus eingebunden in eine weit zurück reichende Generationenfolge. Kein Geheimnis: Man stößt dabei auf bemerkenswerte Geschichten mit Ecken und Kanten (es lohnt sich also durchaus, diesen Text nicht zu überspringen, sondern sich damit vertieft auseinanderzusetzen).
Wir leben, so wird uns in den Medien oft gesagt, in einer vaterlosen Gesellschaft. Wenn dies stimmt, ist das Bewusstsein um einen Stammbaum, das Wissen um seine eigenen Wurzeln, gefährdet. Es ist bemerkenswert, dass Jesus in ganz besonderer Weise immer wieder auf Gott als den Vater hinwies. Christen aller Zeiten und Konfessionen beten das ‘Unser Vater’ – bei Gott endet jede Suche nach dem wirklichen Vater. Man könnte sagen: Er steht am Anfang jedes Stammbaums. Damit werden wir Gott aber nicht gerecht: in menschlichen Stammbäumen entfernt sich jede Generation mehr vom ‘Stammvater’. Gott jedoch will jeder neuen Generation in neuer Weise Vater sein, ganz nahe und unmittelbar, erfahrbar.
Für mich hat dies einen ungemein tröstlichen Aspekt. Ja, Väter können versagen. Sie können abwesend sein, ihre Vaterschaft verleugnen, ihre Macht missbrauchen. – Ich will gar nicht alle Möglichkeiten des Versagens aufzählen. Aber das andere stimmt ebenso: Gott will in ganz besonderer Weise, umfassend, liebevoll, wirklicher Vater sein: Vater der Vaterlosen; aber auch Vater für jene, deren Väter versagt haben!
Viele sind sich darin einig, dass Europa auf christlich-abendländischen Wurzeln besteht und entsprechend geprägt ist. Wenn schon die Wurzeln bekannt sind, bietet es sich an, diesen wirklich einmal nachzugehen. Was prägt unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten? Und: könnte es sein, dass sich in diesen Wurzeln für uns persönlich ein Angebot versteckt, das noch gar nicht erkannt ist? Wir laden Sie ein, diesen Fragen nachzugehen; zum Beispiel an einem ImPuls-Tag oder an einem ImPuls-Wochenende der IVCG. Oder bei einem Gespräch, bei einem öffentlichen Anlass – oder schlicht im Mailkontakt mit unserer Redaktion. Haben Sie schon einmal auf unserer Homepage www.ivcg.org nachgesehen, wie vielfältig unser Angebot ist?