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Ausgabe 03/11 

Derr Stammbaum zeigt meine Wurzeln auf

Im Büro meines Vaters war ein Stamm­baum aufgehängt. Auf diese Weise konnte ich meine väterliche Her­kunftsfamilie bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Für uns Kinder ging von diesem Stammbaum eine große Faszination aus. Etwas in unseren Her­zen ist offenkundig darauf angelegt, dass wir unsere Wurzeln kennen. Nur schade, dass wir von all den ‘Seitenäs­ten’ so wenig wissen! Mir wurde auch bewusst, dass vom Blut jenes Landrich­ters Kaspar Wyss (geb. 1664) nur noch tröpfchenweise in meinen Adern fließt (in jeder neuen Generation vermengt sich sein Blut mit dem Blut einer ganz anderen Familie).

n meinem Beruf als Rechtsanwalt war ich einmal mit der folgenden Geschichte konfrontiert: Im Rahmen der familienrechtlichen Auseinander­setzung zweifelt ein Mann plötzlich an, Vater eines der Kinder zu sein. Er verlangt einen DNA-Test, der dann (die Mutter sagt: »Natürlich!«) den positiven Nachweis seiner eigenen Vaterschaft ergibt. Mich hat diese Ge­schichte nicht wegen des offenkundi­gen Misstrauens des Mannes gegen­über seiner Frau erschüttert.

Ich habe mich in die Haut der vier­zehnjährigen Tochter versetzt: Was passiert in ihrem Herzen, wenn für sie eine der Grundannahmen ihres Lebens dahinfällt? Wird hier nicht die Wurzel eines Baumes abgeschnitten, wird der jungen Frau nicht die Basis ihres Le­bens geraubt? Ich habe nach Motiven gesucht und bin nur auf Eigensucht, Misstrauen, Missgunst des Vaters ge­stoßen. Denn eines war nur zu deut­lich: Schon allein durch die Tatsache, dass der Vater einen Test verlangte, nahm er den Zerbruch der Vertrauens­basis zwischen sich und seiner Tochter in Kauf. Die Information, mit der die junge Frau seither leben muss, ist grau­sam: Der Mann, den ich bis heute als Vater angesprochen habe, wäre bereit gewesen, mich ganz weit wegzusto­ßen, nur um zu beweisen, dass seine Frau ihm untreu (gewesen) sei. Zudem hätte er (zu meinen Lasten) einen Hau­fen Geld eingespart. – Ich weiß auch, dass Adoptivkinder, auch wenn sie wundervolle Adoptiveltern haben, oft an der Tatsache leiden, dass sie ihre Wurzeln nicht kennen. Nein, mit unse­ren Wurzeln lässt sich nicht spaßen.

Ist Ihnen bewusst, dass das Neue Testa­ment mit einem Stammbaum beginnt? Nun, dieser Stammbaum fängt bei Ab­raham an; bis David werden vierzehn Generationen gezählt. Zwischen David und dem babylonischen Exil kommen vierzehn Generationen dazu und dann noch einmal vierzehn bis Jesus – zwei­undvierzig Generationen insgesamt. In geheimnisvoller Weise ist auch Je­sus eingebunden in eine weit zurück reichende Generationenfolge. Kein Geheimnis: Man stößt dabei auf be­merkenswerte Geschichten mit Ecken und Kanten (es lohnt sich also durch­aus, diesen Text nicht zu überspringen, sondern sich damit vertieft auseinan­derzusetzen).

Wir leben, so wird uns in den Medien oft gesagt, in einer vaterlosen Gesell­schaft. Wenn dies stimmt, ist das Be­wusstsein um einen Stammbaum, das Wissen um seine eigenen Wurzeln, gefährdet. Es ist bemerkenswert, dass Jesus in ganz besonderer Weise immer wieder auf Gott als den Vater hinwies. Christen aller Zeiten und Konfessionen beten das ‘Unser Vater’ – bei Gott endet jede Suche nach dem wirklichen Vater. Man könnte sagen: Er steht am Anfang jedes Stammbaums. Damit werden wir Gott aber nicht gerecht: in menschli­chen Stammbäumen entfernt sich jede Generation mehr vom ‘Stammvater’. Gott jedoch will jeder neuen Genera­tion in neuer Weise Vater sein, ganz nahe und unmittelbar, erfahrbar.

Für mich hat dies einen ungemein tröstlichen Aspekt. Ja, Väter können versagen. Sie können abwesend sein, ihre Vaterschaft verleugnen, ihre Macht missbrauchen. – Ich will gar nicht alle Möglichkeiten des Versagens aufzählen. Aber das andere stimmt ebenso: Gott will in ganz besonderer Weise, umfassend, liebevoll, wirkli­cher Vater sein: Vater der Vaterlosen; aber auch Vater für jene, deren Väter versagt haben!

Viele sind sich darin einig, dass Europa auf christlich-abendländischen Wur­zeln besteht und entsprechend geprägt ist. Wenn schon die Wurzeln bekannt sind, bietet es sich an, diesen wirklich einmal nachzugehen. Was prägt un­sere Gesellschaft seit Jahrhunderten? Und: könnte es sein, dass sich in die­sen Wurzeln für uns persönlich ein Angebot versteckt, das noch gar nicht erkannt ist? Wir laden Sie ein, diesen Fragen nachzugehen; zum Beispiel an einem ImPuls-Tag oder an einem ImPuls-Wochenende der IVCG. Oder bei einem Gespräch, bei einem öffent­lichen Anlass – oder schlicht im Mail­kontakt mit unserer Redaktion. Haben Sie schon einmal auf unserer Home­page www.ivcg.org nachgesehen, wie vielfältig unser Angebot ist?

Der Autor

Christoph Wyss

Christoph Wyss

CH-Bern

Fürsprecher/Rechtsanwalt, Präsident der IVCG

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