

«Eine Insel, aus Träumen geboren ist Hawaii, ist Haiwaii …», so hieß es in einem Schlager, den ich als Kind manchmal im Radio hörte. Er sprach meine Fantasie stark an, und ich träumte von dem Abenteuer, einmal in Haiwaii zu sein. Doch die Aussicht, dass dieser Traum sich je erfüllen würde, war unter meinen damaligen beengten Lebensbedingungen in Hitler-Deutschland etwa so realistisch, als wenn heute ein kleiner Junge davon träumt, Astronaut zu werden und eines Tages auf dem Mars zu landen.
Jahrzehnte später, im Jahr 1966, erhielt ich eine Einladung, ein Jahr als Gastprofessor an der University of Hawaii in Honolulu zu verbringen. Der Traum von einst ging also jetzt in Erfüllung. Und ich sah an Ort und Stelle, dass jener Schlager nicht einmal übertrieben war. Denn es gab sie tatsächlich, diese tiefblauen, haushohen Wellen an herrlichen Stränden, farbenprächtige Orchideen und andere exotische Blumen, üppige Palmen und vor allem jene unübertrefflich schönen, ‘aus Träumen geborenen’ Sonnenuntergänge, bei denen, wenn die Sonne im Meer versinkt, der Abendhimmel in entzückenden, gewaltigen Farbmustern leuchtet: orange, rot, violett …
Das Jahr in Hawaii wurde in vieler Hinsicht das schönste Abenteuer meines Lebens. Ebenso fasziniert waren auch meine Frau und unsere vier kleinen Töchter, die mit Begeisterung in unserem Garten Bananen pflückten.
Und doch gehöre ich nicht zu denen, die bewusst auf Abenteuer aus sind und diese mit viel Aufwand suchen. Im Gegenteil: Mir tun die Leute leid, denen das Leben ohne Abenteuer zu eintönig ist. Sie brauchen, um dem grauen Alltag hin und wieder entfliehen zu können, den besonderen Kick durch Extremsport, durch gefährliche, halsbrecherische Unternehmungen im Gelände oder durch außergewöhnliche Liebeserlebnisse, die bei ihnen irgendwo zwischen Freizeit-Hobby, Leistungssport und Gesellschaftsspiel rangieren. Wenn auch dies die Abenteuerlust nicht mehr befriedigt, dann landen manche schließlich bei Kokain oder anderen harten Drogen. Hinter der Sucht nach Abenteuern steckt bei ihnen letztlich die ungestillte Sehnsucht nach dem eigentlichen, dauerhaften Sinn des Lebens.
Genau an dieser Stelle liegt der Unterschied zwischen zwei grundverschiedenen Einstellungen zum Abenteuer. Die einen suchen es wegen der ungelösten Sinnfrage und bleiben doch auf Dauer dabei unbefriedigt. Die andern haben bereits eine feste Antwort auf die Sinnfrage gefunden, die zu einem neuen Lebensprogramm führt. Sie bejahen das Abenteuer, soweit es bei ihnen dann innnerhalb dieses Lebensprogramms und seiner Prioritäten einen sinnvollen Platz hat.
Was Gott von mir erwartet, ist die bewusste Offenheit für seine Abenteuer. Dazu noch ein Erlebnis ganz anderer Art. Es war im Herbst 1974, als ich auf einer kurvenreichen, steil abfallenden Straße durch ein Waldgebiet fuhr. Die Straße war bedeckt mit vielen braunen Blättern, die gerade an diesem Tag erst von den Bäumen gefallen waren. Da kam mein Auto – ein für mich noch ungewohnter Kleinwagen – plötzlich so ins Rutschen wie auf Glatteis. Er glitt in der Kurve von der Fahrbahn und kam neben ihr auf einer steilen Böschung neben mehreren Bäumen zum Stehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass dort in den Hang eine Mauer in Fahrtrichtung eingebaut war und dass die beiden rechten Räder meines Wagens auf dieser Mauer standen, wenige Zentimeter vom Abgrund entfernt. Der Wagen befand sich in einer solchen Schräglage, dass ich mich nur millimeterweise zu bewegen wagte, weil ich befürchtete, dass er sich auch jetzt überschlagen und abstürzen könnte. Ergebnis: Der Ausstieg gelang. Ich war unverletzt, der Wagen nur leicht beschädigt.
Gott sorgt dafür, dass mein Leben niemals monoton wird. In seiner liebevollen Barmherzigkeit schenkt er jedem, der bewusst unter seiner Regie lebt, auch für die angemessenen emotionalen Höhepunkte, gewissermaßen für die Abenteuer im engeren Sinn. Wie sagt doch das Neue Testament: «Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt und tut, was er verlangt, dann wird er euch schon mit allem anderen versorgen.»1 Also auch mit Abenteuern, mögen sie nun in Hawaii stattfinden oder anderswo.
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